Harmonie und Identität

Kosmische Lettern.

EL Loko hat in den letzten Jahren ein Alphabet seiner eigenen Bildsprache entwickelt, das ornamentale Verläufe, Figurationen, Urzeichen und Chiffren in sich vereinigt und zu einem Ensemble aus einem Guss zusammenfügt. Die Arbeit des Künstlers hat auf dem Wege dahin verschiedene Stationen durchlaufen. War 1993 unter dem Titel "Spurensuche" eine intensive Annäherung an diese eigene Bildsprache in seinen großen Stelen und Drucken auf Nessel zu verzeichnen, so hat in der Ausstellung "Dem Rudel das Bild erklären" von 1995 EL Loko die eigne Sprache zu einem durchdringenden, zusammenschließenden Ganzen hin entwickelt. Die Elemente seiner großen Kompositionen sind in den "Kosmischen Lettern" eine Versammlung all der irdischen und transzendenten Elemente des Kosmos des EL Loko, herrührend aus einer intensiven Begegnung der Traditionen seiner Heimat Togo und seiner gedanklichen Heimaten, unter ihnen die spirituelle Welt des Christentums Europas. Sein Urtier, sein Sonnenvogel, sind eigenartige Mischwesen der Begegnung zwischen den Kulturen, fußend auf der Kunst des 20. Jahrhunderts wie auf den kollektiven Erinnerungen Afrikas, den Mythen und Erzählungen der Völker.

Weltengesichter.

EL Loko zielt in seiner Arbeit auf eine universelle Sprache, ohne seine spezifische Herkunft jemals vergessen zu haben. Im Gegenteil: Seit seiner Ankunft in Europa hat ihn eine allmähliche Entwicklung wieder zum Eigenen hingeführt, endlich dahin, wo er die Identität des Reisenden und im internationalen Kunstfeld arbeitenden Künstlers für sich selber wiederentdecken konnte. Harmonie ist das Ziel des EL Loko, eine globale Übersicht und eine globale Identität. Seine Weltengesichter zeigen uns ohne Unterschied von Ansehen, Rasse und Geschlecht, von Religion und Identität solche Chiffren von Gesehenen; immer sind es die Gesichter des Anderen, die uns anschauen. Der Andere steht für das Andere, steht auch für die andere Welt, für das weitentfernte eines anderen Gesichtes, einer anderen Gruppe, eines anderen Volkes, eines anderen Kontinents. In der unterschiedslosen gleichen Behandlung der Nahsicht des Gesichtes oder des Brustporträts scheinen uns die Figuren gegenüberzustehen als die ewig fragenden Anderen, als das Gegenüber, das uns erst in die Situation versetzt, im Rückblick auf uns selber in ihnen zu spiegeln. EL Loko führt uns die Serie der Gleichen vor, er hebt auf ihre Universalität ab, gerade in dem er die Unterschiedlichkeit nicht auslässt. Ein Wunsch und eine Sehnsucht sind hier spürbar; in der Kunst gelingt die Aufhebung der Unterschiede, in ihr vereinen sich die unterschiedlichen Ansichten der Menschen vieler Nationen und Kulturen, zusammengefügt durch den harmonischen Blick und die beschwörende Vision des Malers EL Loko.

Identität.

EL Loko hat die Reise nach Europa machen müssen, das Exil erleben und das Nichtzuhausesein, um sich selber zurückzufinden. Die Begegnungen mit europäischen Künstlern wie Joseph Beuys, der auch einen langen Weg zur Suche nach dem Eigenen ging, haben ihm Wege gezeigt, Strategien offengemacht. El Loko hat eine entschieden Suche nach dem Eigenen im Œuvre der letzten Jahre organisiert. Seine großformatigen Bildkompositionen sprechen von dem Wunsch, die heterogenen Elemente zu einer Gesamtheit zusammenzufügen. Die großen Bilder der Installation "1 x 4 = 1" sind beeindruckende Zeugnisse eines solchen Vermögens, aus der Vielfalt die Einheit zu gestalten und doch die Varietät in der Vielfalt zu erhalten. In der Installation "Dem Rudel das Bild erklären" hat EL Loko sich auf seinen Lehrer und Anreger Joseph Beuys bezogen, dessen Werk "Dem toten Hasen die Kunst erklären" hier ironisch reversiert wird. Was EL Loko erklärt, ist die Installation seiner eigenen Situation. Das versammelte Rudel, die siebzig Tiere, die Elemente, die für jene Welt stehen, die außerhalb der des Künstlers liegt, stehen vor dem Bild des Afrika an der Wand. Eine Welt wird vorgeführt, die fern ist und nur ein Bild, komponiert aus Elementen eines Puzzles, das sich auch in der Zusammenlegung noch einmal zum Bild von Afrika zusammenfügt. EL Lokos Projektion der eigenen fernen Heimat und Identität steht auch für eine Beschwörung der alten Traditionen und der großen Kunstfertigkeit der afrikanischen Kunst. Beleuchtet aber indes auch die Situation dessen, der heute, fern von Afrika lebend, immer auch als für Afrika stehend gesehen wird und nicht einfach für einen Künstler, dessen Werk sich im Zusammenspiel von Ferne und Nähe, von Identität und Fremdsein, von Modernität und Tradition entwickeln muss.

Dr. Ulrich Krempel, Direktor des Sprengel Museums Hannover